Паралельні тексти

Kän-gu-ruh

Als die ersten Europäer nach Australien kamen, sahen sie ein ganz außergewöhnliches Tier.

Als sie sich ihm näherten, sprang es in großen Sprüngen davon, wobei es sich mit seinen Hinterbei­nen kraftvoll abstieß.

Außerdem hatte das Tier am Bauch eine Art Sack, aus dem das Köpfchen eines Jungen herausschaute.

„Was ist das?“ fragten die Europäer die Eingeborenen.

„Kän- gu-ruh“, antworteten sie.

Und seit dieser Zeit nannte man das Tier Känguruh.

Es vergingen mehrere Jahre, bis die Europäer die Sprache der Eingeborenen erlernten und den Sinn jener Antwort verstanden.

„Kän-gu-ruh“ heißt in dieser Sprache nichts anderes als: „Ich ver­stehe euch nicht!“

Кен-гу-ру

Коли перші європейці приїхали в Австралію, вони побачили надзвичайну тварину.

Коли вони підійшли до неї, вона застрибала великими стрибками, при цьому сильно відштовхувалася своїми задніми ногами.

Крім того, тварина мала на животі свого роду мішок, з якого визирала головка малюка.

«Що це?» — Запитали європейці місцевих жителів.

«Кен-гу-ру» — відповіли вони.

І з тих пір назвали тварину кенгуру.

Минуло кілька років, перш ніж європейці дізналися мову місцевих і зрозуміли сенс цієї відповіді.

 

«Кен-гу-ру» означає на цій мові не більше ніж: «Я не розумію тебе»

Eine Elefantengeschichte

Das geschah in einem deutschen Dorf. Eines Tages schickte Frau Spinner ihren Sohn Ferdinand in den Wald, zum See.

Dort sollte er Beeren sammeln.

Ferdinand hatte ein wenig Angst, doch machte er sich auf den Weg.

Als er zum See kam, erstarrte er vor Schreck: am Ufer des Sees stand ein Elefant.

Der Junge hatte noch nie einen lebendigen Elefanten gesehen!

So ein großes Tier!

Ferdinand lief Hals über Kopf ins Dorf und rief: „Ich bin im Wald einem Elefanten begegnet!“

Alle lachten über den Jungen.

Als er nach Hause kam und sei­ner Mutter und seiner Großmutter von dem Elefanten erzählte, dachten die beiden Frauen, dass der Junge krank sei.

Sie riefen den Arzt.

Bald hielt ein Auto vor ihrem Haus, und der Arzt be­trat das Zimmer.

Er untersuchte den Jungen, fand aber nichts.

Endlich sagte er zu der Mutter: „Am besten nehme ich Ihren Jun­gen mit ins Krankenhaus!“

Ferdinand schrie: „Ich will nicht ins Krankenhaus.

Ich bin gesund!

Und einen Elefanten habe ich doch gesehen!“

Als der Arzt mit Ferdinand schon ins Auto steigen wollte, bog ein Lastwagen in die Dorfstraße ein.

„Circus Kolossal“ stand an dem Wagen.

Das Auto hielt.

„He“, rief der Mann, der neben dem Fahrer saß, „hat jemand einen Elefanten gesehen?

Wir suchen un­seren Jumbo.

Er ist vor einigen Stunden während des Transportes weggelaufen.“

„Hallo, hier, ich, ich weiß, wo er steckt!“ — schrie Ferdinand.

Niemand zweifelte jetzt an seinen Worten.

Ferdi­nand führte die Zirkusleute in den Wald, zum See.

Das Tier war noch da.

Es ließ sich leicht fangen und kehrte ruhig in den Zirkus zurück.

Ferdinands Oma aber war stolz auf ihren En­kel.

„Unser Ferdinand ist ein richtiger Elefantenjäger“, sagte sie seitdem zu allen Leuten.

(Nach H. Krause.)

 

Історія про слона

Це сталося в німецькому селі.

Одного разу пані Шпіннер послала свого сина Фердинанда у ліс, до озера.

Там він повинен був зібрати ягоди.

Фердинанд трохи боявся, однак рушив в дорогу.

Коли він прийшов до озера, він завмер від переляку: на березі озера стояв слон.

Хлопчик ніколи не бачив живого слона!

Така велика тварина!

Фердинанд стрімголов побіг у село і кричав: «Я зустрів у лісі слона!»

Усі сміялися з хлопчика.

Коли він прийшов додому і розповів своїй матері і своїй бабусі про слона, обидві жінки подумали, що хлопчик хворий.

Вони викликали лікаря.

Незабаром машина зупинилася перед їхнім будинком, і лікар увійшов до кімнати. Він оглянув хлопчика, але нічого не знайшов.

Нарешті він сказав матері: «Я б краще забрав Вашого хлопчика з собою в лікарню!»

Фердинанд крикнув: «Я не хочу в лікарню.

Я здоровий!

І я ж бачив слона! »

Коли лікар з Фердинандом вже хотів сідати в машину, на сільську вулицю повернула вантажівка.

«Цирк Колос» було написано на машині.

Машина зупинилася.

«Гей,» прокричав чоловік, що сидів поруч із водієм, «хто-небудь бачив слона?

Ми шукаємо нашого Юмбо.

Він втік кілька годин тому під час транспортування «.

«Привіт, я, я знаю, де він!» — скрикнув Фердинанд.

Ніхто не сумнівався тепер в його словах.

Фердинанд повів циркових людей у ліс, до озера.

Тварина була все ще там.

Він легко дався в руки і спокійно повернувся до цирку.

Але бабуся Фердинанда пишалася своїм онуком.

«Наш Фердинанд справжній мисливець на слонів», — говорила вона з того часу усім людям.

(За мотивами Х. Краузе.)

Am Rhein, zwischen Bingen und Koblenz, steht der Lorelei­felsen. Eine deutsche Volkssage (1)   erzählt, daß man in alten Zeiten (2) dort oft eine schöne Jungfrau (1) erblicken konnte.

Wenn der Mond schien, kam sie auf den hohen Felsen (1).

Sie kämmte ihr goldenes Haar (2) und sang dabei wunderbare Lieder (2).

Viele alte und junge Fischer (2) fanden den Tod in den mächtigen Wellen (1) des Rheins, weil sie nur auf den wunderschönen Gesang (1) der Jungfrau hörten und nicht auf die gefährlichen Felsenriffe (1) schauten.

Einige junge Fischer (2) hatten die schöne Jungfrau (1) sogar in der Nähe gesehen.

Manchmal kam sie an das Fluß­ufer und zeigte ihnen gute Stellen (2) für den Fischfang.

Immer, wenn die Fischer dem Rat der Lorelei folgten, mach­ten sie einen reichen Fang (1).

Sie erzählten überall von der wunderbaren Jungfrau (1).

(Die Sage von der Lorelei, nach A. Schreiber.)

На Рейні, між Бінгеном і Кобленцем, стоїть скеля Лорелеї. В німецькій легенді розповідається, що за старих часів тут часто можна було побачити прекрасну дівчину.

Коли світив місяць, вона при­ходила на високу скелю.

Вона розчісувала своє золоте волос­ся і співала при цьому чудові пісні.

Багато старих і мо­лодих рибалок гинули в бурхливих хвилях Рейну, адже вони слухали чудовий спів дів­чини і не дивились на небез­печні рифи.

Деякі молоді ри­балки бачили прекрасну дів­чину навіть близько.

Іноді во­на виходила на берег річки і показувала їм гарні місця для рибного лову.

Завжди, коли рибалки слухались поради Лорелеї, у них був багатий улов.

 

Вони скрізь розповідали про чудову дівчину.

(Сказання про Лорелею, за А. Шрейбером).

Ein Gewitter

Es ist ein schöner Sommertag, aber es ist zu heiß.

„Wahrschein­lich wird es ein Gewitter geben“, denken wir.

Und siehe da!

Plötz­lich bedeckt sich der Himmel mit schwarzen Wolken.

Es blitzt, es donnert, und dann regnet es.

 

Aber bald ist das Gewitter vorbei. Wieder ist der Himmel blau, und die Sonne scheint hell.

Wir gehen aufs Feld.

Wie angenehm duftet es dort!

Nach dem Gewit­ter ist die Luft etwas frischer geworden, und wir atmen sie mit voller Brust ein.

Гроза

Прекрасний літній день, але занадто жарко.

«Ймовірно, буде гроза», — думаємо ми.

І ось!

Раптово небо покривається

чорними хмарами.

Спалахи блискавки, грім, а потім йде дощ.

Але незабаром гроза проходить.

Знову небо блакитне, а сонце світить яскраво.

Ми йдемо у поле.

Як приємно пахне там!

Після грози повітря стало трохи свіжіше, і ми вдихаємо його на повні груди.

Wie man komponiert

 Ein Junge, der sehr gut Klavier spielen konnte, kam zu Mo­zart und sagte: „Ich will komponieren. Sagen Sie mir bitte, wie man das macht.“

Mozart antwortete: „Da musst du noch warten, bis du älter wirst.“

„Aber Sie haben doch schon mit dreizehn Jahren komponiert!“

„Ja, aber ich habe niemand gefragt, wie man das macht.“

Як складати музику

 Хлопчик, який дуже добре вмів грати на фортепіано, прийшов до Моцарта і сказав: «Я хочу складати музику. Скажіть, будь ласка, як це зробити».

Моцарт відповів: «Ти повинен ще почекати, поки ти станеш старшим.»

«Але Ви складали пісні вже у тринадцять!»

«Так, але я нікого не питав, як це робиться.»

Des Kaisers neue Kleider

Es war einmal ein Kaiser, der schöne Kleider sehr liebte.

Anstatt zu arbeiten und für sein Land zu sorgen, probierte er neue Mäntel und Anzüge an.

Seine Minister bewunderten ihn, aber das Volk war gar nicht zufrieden mit dem Kaiser.

Eines Tages kam ein Minister zum Kaiser und sagte: „Drau­ßen im Hof stehen zwei Schneider. Sie sagen, dass sie schöne neue Kleider nähen können.“

— „Sie sollen sofort hereinkommen!“ — be­fahl der Kaiser, ohne lange zu überlegen.

Die Schneider kamen, und einer von ihnen sagte: „Wir können herrliche Kleider nähen.

Diese Kleider haben eine besondere Eigen­schaft: Wer dumm ist, kann sie nicht sehen.“

Der Kaiser hörte aufmerksam zu. „Wenn das wahr ist“, dachte er, „kann ich erkennen, wer in meinem Lande dumm ist“.

Und er befahl den Schneidern solche Kleider zu nähen.

Die Minister sollten die Arbeit der Schneider prüfen.

Doch jedes Mal, wenn einer von ihnen zu den Schneidern kam, sah er diese fleißig arbeiten.

Dabei war aber kein Stoff zu sehen.

Und doch lobten alle Minister die Arbeit der Schneider, denn sie woll­ten nicht, dass man sie für dumm hielt.

Nach einer Woche waren die Kleider fertig.

Der Kaiser wollte sie sofort anziehen und spazieren gehen, um sie dem Volk zu zeigen.

Die Schneider baten ihn, sich auszuziehen.

Das tat er, und dann ließ er sich von den Schneidern ankleiden, aber er sah keine Kleider.

„Wie schön!!“ riefen die Minister, obwohl sie auch keine Kleider sahen.

 

„Was soll ich nur anfangen?“ dachte der Kaiser.

„Ich bin also dumm und kann nicht Kaiser sein.“

Laut aber sagte er: „Ich bin sehr zufrieden. Die Kleider gefallen mir gut.“

 

Er gab den Schneidern Geld, und diese liefen schnell fort.

Der Kaiser ging nun durch die Stadt. Ohne Kleider sah er komisch aus.

Aber niemand lachte, denn es war ja der Kaiser!

Plötzlich rief ein kleines Mädchen: „Der Kaiser hat ja keine Kleider an!“

Da lachten alle Leute und riefen: „Er hat keine Kleider an!“

Der Kaiser schämte sich, aber er konnte nicht weglaufen und musste durch die ganze Stadt nach Hause zurückkehren. (Nach H. C h r. A n d e r s e n.)

 

Новий одяг Імператора

 Жив був імператор, який дуже любив гарний одяг.

Замість того щоб працювати і піклуватися про країну, він приміряв нові пальто та костюми.

Його міністри захоплювався ним, але люди не були задоволені імператором.

Одного разу міністр прийшов до імператора і сказав: «У дворі стоять два кравці. Вони кажуть, що вони можуть пошити гарний новий одяг.»

«Нехай вони прийдуть негайно!», — наказав імператор, не довго роздумуючи.

Кравці прийшли, і один з них сказав: «Ми вміємо шити красиві сукні.

 

Цей одяг має одну особливу властивість: Той, хто дурний, не зможе їх побачити «.

Імператор уважно слухав.

«Якщо це правда,» подумав він, «я можу дізнатися, хто дурний в моїй країні».

І він наказав кравцем шити такі сукні.

Міністри повинні були перевірити роботу кравців.

Але кожного разу, коли один з них приходив до кравцем, він бачив, що вони старанно працюють.

При цьому не було видно ніякої тканини.

Проте, всі міністри хвалили роботу кравців, тому що вони не хотіли, щоб їх вважали дурними.

Через тиждень одяг був готовий.

Імператор захотів надіти його негайно і йти гуляти, щоб показати його людям.

Кравці попросили його роздягнутися.

 

Це він зробив, а потім він дозволив кравцем себе одягнути, але він не бачив ніякого одягу.

«Як гарно !!» вигукнули міністри, хоча вони також не бачили ніякого одягу.

«Що мені робити?» думав імператор.

 

«Я, отже, дурний і не можу бути імператором.»

Але вголос він сказав: «Я дуже задоволений. Одяг мені дуже подобається».

Він дав кравцям гроші, і вони швидко втекли.

Імператор тут же пішов через місто. Без одягу він виглядав смішно.

Але ніхто не сміявся, бо це ж був імператор!

Раптом маленька дівчинка закричала: «На імператорі ж немає одягу!»

І тут все люди засміялись і закричали: «На ньому немає одягу!»

Імператору було соромно, але він не міг втекти і мав повертатися додому через все місто.

(За мотивами казки Г.Х. Андерсена)

 

Ira: Warum ist in diesem Zimmer so eine Unordnung?

Mascha: Ich packe meinen Koffer. Ich reise morgen ab.

I r a: Hast du schon eine Fahrkarte gelöst?

Mascha: Ich habe die Fahrkarte sogar im Voraus bestellt.

Ira: Wohin geht die Reise?

Mascha: Nach Deutschland.

I r a: Wann fährst du?

Mascha: Morgen früh. Und ich habe noch den Koffer nicht gepackt.

Ira: Ich helfe dir gern.

Zu zweit geht es ja viel schneller.

 

Und dann bringe ich dich zum Bahnhof.

Mascha: Das ist sehr lieb von dir!

 

Іра: Чому в цій кімнаті такий безлад?

 

Маша: Я упаковую свою валізу. Я їду завтра.

І р а: Ти вже купила квиток?

 

Маша: Я квиток навіть замовила заздалегідь.

Іра: Куди ти вирушаєш?

Маша: У Німеччину.

Іра: Коли ти їдеш?

Маша: Завтра вранці. А я ще не спакувала валізу.

Іра: Я тобі із задоволенням допоможу. Удвох же набагато швидше.

А потім я відвезу тебе на вокзал.

Маша: Це дуже мило з твого боку!

Einmal fuhr der berühmte französische Schriftsteller Victor Hugo nach Deutschland.

„Was sind Sie von Beruf?“ fragte ihn der Grenzpolizist, der den Fragebogen ausfüllte.

„Ich schreibe.“

„Ich frage Sie, wovon Sie leben.“

 

„Von meiner Feder.“

„Dann schreibe ich: ,Hugo, Federhändler.’“

 

Одного разу відомий французький автор Віктор Гюго відправився в Німеччину.

«Хто Ви за професією?» — Запитав прикордонний поліцейський, який заповнював анкету.

«Я пишу.»

«Я питаю Вас, на що ви живете.»

«Від свого пера.»

«Тоді я напишу: Гюго, торговець пір’ям». «

Ein Kind zeigte den Eltern sein neues Bild.

Aber auf dem Bild war nichts zu sehen.

„Ich habe eine Kuh auf der Wiese gemalt“, erklärte der Junge..

„Wo ist denn das Gras?“ fragten die Eltern.

„Die Kuh hat es aufgefressen“, —  war die Antwort.

„Und wo ist die Kuh?“

„Sie ist fortgelaufen. Was soll sie noch auf der Wiese, wenn kein Gras mehr da ist?“

Дитина показала батькам свою нову картину.

Але на картині не було нічого видно.

«Я намалював корову на лузі», пояснив хлопчик.

«Де ж трава?» — Запитали батьки.

 

«Корова з’їла її», — була відповідь.

«А де корова?»

«Вона втекла. Що вона має ще робити на лузі, якщо трави більше немає? »

Wir erwarten Gäste.

In der Küche wird Suppe gekocht, wird Fleisch gebraten, werden Kuchen gebacken.

Endlich ist alles fertig.

Die Suppe ist ge­kocht, das Fleisch ist schon gebraten, die Kuchen sind schon gebacken.

Die Gäste kön­nen kommen.

Ми очікуємо гостей.

На кухні вариться суп, смажиться м’ясо, печуться пироги.

Нарешті, все готово.

Суп зварений, м’ясо вже посмажене, пироги спечені.

 

Гості можуть приходити.

 

 

Über das Sprachenlernen

 

Der berühmte deutsche Altertumsforscher Heinrich Schliemann wurde 1822 in Mecklenburg geboren und starb 1890 in Italien. Heinrich Schliemann, der schon in früher Kindheit seine Mutter verloren hatte, las einmal als Knabe ein Buch, das unter anderen altgriechischen Sagen auch die Sage vom trojanischen Krieg enthielt.

Sie gefiel ihm sehr und er wünschte sich ein Forscher zu werden und die alte Festung Troja auf­zufinden.

Mehrere Jahre ging er zur Schule und lernte fleißig.

Aber da starb sein Vater und der Junge musste in die Kauf­mannslehre gehen und sich sein Brot selbst verdienen.

 

I

…Fünf und ein halbes Jahr diente ich in dem kleinen Laden in Mecklenburg. Meine Tätigkeit bestand im Verkauf von Heringen, Butter, Salz, Kaffee, Zucker, öl und anderen Lebensmitteln. Ich musste auch den Laden ausfegen und ähnliche Dinge tun. Von fünf Uhr morgens bis elf Uhr abends war ich beschäftigt und mir blieb kein freier Augenblick zum Studieren. Überdies vergaß ich sehr schnell, was ich in meiner Kindheit in der Schule gelernt hatte. Aber trotzdem zog es mich zur Wissenschaft… Ich sah keinen Ausweg vor mir, bis ich plötzlich wie durch ein Wunder aus dieser Lage befreit wurde. Als ich einmal ein zu schweres Fass aufheben musste, zog ich mir innere Verletzungen zu; ich warf Blut aus und konnte meine Arbeit nicht mehr fortsetzen. In großer Ver­zweiflung ging ich zu Fuß nach Hamburg, um dort eine andere Arbeit zu suchen. Ich fand auch wirklich eine Anstellung mit guter Bezahlung. Aber wegen heftiger Brustschmerzen konnte ich keine schwere Arbeit tun und mein Chef kündigte mir bald wieder. So ging es einige Male. Jede Stellung verlor ich wieder, nachdem ich kaum acht Tage gearbeitet hatte.

Da versuchte ich an Bord eines Schiffes Arbeit zu finden. Es glückte mir als Kajütenjunge an Bord eines kleinen Segel­schiffes angenommen zu werden. Das Schiff sollte nach Vene­zuela fahren.

II

Am 28. November 1841 verließen wir Hamburg mit gutem Wind. Nach wenigen Stunden schlug jedoch der Wind um und wir mussten drei volle Tage in der Elbe unweit Blankenese liegen bleiben. Dann passierten wir Cuxhaven und fuhren in die offene See hinaus. Aber plötzlich schlug der Wind wieder nach Westen um. Wir lavierten fortwährend, kamen jedoch nur wenig oder gar nicht vorwärts. Dann brach ein furcht­barer Sturm los, bei dem wir Schiffbruch erlitten. Nach zahl­losen Gefahren und Schrecknissen konnte sich unsere ganze Mannschaft, die aus neun Personen bestand, ans Land ret­ten.

Welche Küste es war, an die wir geworfen wurden, wusste ich nicht. Es war mir nur klar, dass wir uns in einem fremden Lande befanden. Später erfuhr ich, dass es Holland war. Der deutsche Konsul, den wir aufsuchten, schlug mir vor zu­sammen mit den anderen wieder nach Deutschland zu gehen. Ich lehnte seinen Vorschlag ab. Ich wollte nicht wieder dort­hin zurückkehren, wo ich so unglücklich gewesen war, und erklärte allen, dass ich in Holland bleibe.

In Amsterdam fand ich Anstellung in einem Kontor. Ich trug Briefe nach der Post und holte andere von dort ab. Diese Tätig­keit gefiel mir sehr, da sie mir Zeit ließ, an meine vernachläs­sigte Bildung zu denken.

Zunächst bemühte ich mich mir eine schöne, leserliche Hand­schrift anzueignen und in zwanzig Stunden glückte mir dies auch vollkommen. Dann ging ich eifrig an das Studium der modernen Sprachen. Die Hälfte meines Gehaltes gab ich für meine Studien aus, mit dem übrigen Geld führte ich ein kümmerliches Dasein. Meine Wohnung war eine elende, un­heizbare Dachstube, in der ich im Winter vor Kälte zitterte, im Sommer aber unter einer fürchterlichen Hitze litt, Mein Frühstück bestand aus einem Mehlbrei, mein Mittagessen kostete mich nie mehr als sechzehn Pfennig.

Aber nichts spornt mehr zum Studium an als die Überzeu­gung sich durch angestrengte Arbeit aus einer elenden Lage befreien zu können.

III

So warf ich mich denn mit besonderem Fleiß auf das Studium des Englischen. Ich hatte meine eigene Methode dabei, welche

das Erlernen jeder Sprache bedeutend erleichtert. Diese ein­fache Methode besteht darin, dass man sehr viel laut liest, kleine Übersetzungen macht, Aufsätze schreibt und sie unter Aufsicht des Lehrers verbessert, dann auswendig lernt und in der nächsten Stunde das aufsagt, was man am Tage vorher korrigiert hat. Mein Gedächtnis war schwach, da ich es seit der Kindheit gar nicht geübt hatte, doch benutzte ich jeden freien Augenblick zum Lernen. Ich hatte immer ein Buch bei mir, aus dem ich irgend-etwas auswendig lernte; auf dem Postamt, in den Banken las ich immer, wenn ich warten musste. So stärkte ich allmählich mein Gedächtnis und konnte schon nach drei Monaten meinen Lehrern mit Leichtigkeit alle Tage in jeder Unterrichtsstunde zwanzig gedruckte Seiten englischer Prosa wörtlich hersagen, wenn ich sie vorher drei­mal aufmerksam durchgelesen hatte. Auf diese Weise lernte ich zwei englische Romane auswendig! Vor übergroßer Auf­regung schlief ich nur wenig und alle schlaflosen Nachtstun­den brachte ich damit zu, das am Abend Gelernte noch einmal zu wiederholen. So gelang es mir in einem halben Jahr eine gründliche Kenntnis der englischen Sprache zu erlangen. Dieselbe Methode wendete ich nachher beim Studium der französischen Sprache an, die ich in den folgenden sechs Mo­naten bemeisterte. Durch diese dauernden fleißigen Studien stärkte sich mein Gedächtnis im Laufe eines Jahres derma­ßen, dass mir die Erlernung des Holländischen, Spanischen, Italienischen und Portugiesischen außerordentlich leicht wur­de. Ich brauchte nicht mehr als sechs Wochen, um diese Spra­chen fließend sprechen und schreiben zu können.

IV

Große Schwierigkeiten hatte ich mit dem Russischen. Ich konnte in ganz Amsterdam keinen Lehrer finden. Niemand verstand dort Russisch. Aber nach meiner Methode brauchte ich jemanden, der mich wenigstens anhörte. Deshalb zahlte ich einem armen Manne nur dafür, dass dieser jeden Tag zu mir kam und zwei Stunden lang meine russischen Deklama­tionen anhörte, von denen er kein Wort verstand. Mein lautes Sprechen wurde im ganzen Hause gehört und deshalb musste ich zweimal während meines Russischstudiums die Wohnung wechseln. Aber nach sechs Wochen konnte ich schon meinen ersten russischen Handelsbrief schreiben. Weil ich nun so viele Sprachen und vor allem Russisch konnte, wurde ich von meiner Firma nach Russland gesandt.

Hier wurde ich im Laufe von mehreren Jahren so reich, dass ich es mir erlauben konnte meine kaufmännische Tätigkeit aufzugeben und nur noch an mein Lebensziel, meine Ausgra­bungen, zu denken.

(Nach Heinrich Schliemann)