Das Sprachenlernen

Der berühmte deutsche Altertumsforscher Heinrich Schliemann wurde 1822 in Mecklenburg geboren und starb 1890 in Italien. Heinrich Schliemann, der schon in früher Kindheit seine Mutter verloren hatte, las einmal als Knabe ein Buch, das unter anderen altgriechischen Sagen auch die Sage vom trojanischen Krieg enthielt.

Sie gefiel ihm sehr gut und er wünschte sich ein Forscher zu werden und die alte Festung Troja auf­zufinden. Mehrere Jahre ging er zur Schule und lernte fleißig.

Aber da starb sein Vater und der Junge musste in die Kauf­mannslehre gehen und sich sein Brot selbst verdienen.

I

…Fünf und ein halbes Jahr diente ich in dem kleinen Laden in Mecklenburg. Meine Tätigkeit bestand im Verkauf von Heringen, Butter, Salz, Kaffee, Zucker, öl und anderen Lebensmitteln. Ich musste auch den Laden ausfegen und ähnliche Dinge tun. Von fünf Uhr morgens bis elf Uhr abends war ich beschäftigt und mir blieb kein freier Augenblick zum Studieren. Überdies vergaß ich sehr schnell, was ich in meiner Kindheit in der Schule gelernt hatte. Aber trotzdem zog es mich zur Wissenschaft… Ich sah keinen Ausweg vor mir, bis ich plötzlich wie durch ein Wunder aus dieser Lage befreit wurde. Als ich einmal ein zu schweres Fass aufheben musste, zog ich mir innere Verletzungen zu; ich warf Blut aus und konnte meine Arbeit nicht mehr fortsetzen. In großer Ver­zweiflung ging ich zu Fuß nach Hamburg, um dort eine andere Arbeit zu suchen. Ich fand auch wirklich eine Anstellung mit guter Bezahlung. Aber wegen heftiger Brustschmerzen konnte ich keine schwere Arbeit tun und mein Chef kündigte mir bald wieder. So ging es einige Male. Jede Stellung verlor ich wieder, nachdem ich kaum acht Tage gearbeitet hatte.

Da versuchte ich an Bord eines Schiffes Arbeit zu finden. Es glückte mir als Kajütenjunge an Bord eines kleinen Segel­schiffes angenommen zu werden. Das Schiff sollte nach Vene­zuela fahren.

II

Am 28. November 1841 verließen wir Hamburg mit gutem Wind. Nach wenigen Stunden schlug jedoch der Wind um und wir mussten drei volle Tage in der Elbe unweit Blankenese liegen bleiben. Dann passierten wir Cuxhaven und fuhren in die offene See hinaus. Aber plötzlich schlug der Wind wieder nach Westen um. Wir lavierten fortwährend, kamen jedoch nur wenig oder gar nicht vorwärts. Dann brach ein furcht­barer Sturm los, bei dem wir Schiffbruch erlitten. Nach zahl­losen Gefahren und Schrecknissen konnte sich unsere ganze Mannschaft, die aus neun Personen bestand, ans Land ret­ten.

Welche Küste es war, an die wir geworfen wurden, wusste ich nicht. Es war mir nur klar, dass wir uns in einem fremden Lande befanden. Später erfuhr ich, dass es Holland war. Der deutsche Konsul, den wir aufsuchten, schlug mir vor zu­sammen mit den anderen wieder nach Deutschland zu gehen. Ich lehnte seinen Vorschlag ab. Ich wollte nicht wieder dort­hin zurückkehren, wo ich so unglücklich gewesen war, und erklärte allen, dass ich in Holland bleibe.

In Amsterdam fand ich Anstellung in einem Kontor. Ich trug Briefe nach der Post und holte andere von dort ab. Diese Tätig­keit gefiel mir sehr, da sie mir Zeit ließ, an meine vernachläs­sigte Bildung zu denken.

Zunächst bemühte ich mich mir eine schöne, leserliche Hand­schrift anzueignen und in zwanzig Stunden glückte mir dies auch vollkommen. Dann ging ich eifrig an das Studium der modernen Sprachen. Die Hälfte meines Gehaltes gab ich für meine Studien aus, mit dem übrigen Geld führte ich ein kümmerliches Dasein. Meine Wohnung war eine elende, un­heizbare Dachstube, in der ich im Winter vor Kälte zitterte, im Sommer aber unter einer fürchterlichen Hitze litt, Mein Frühstück bestand aus einem Mehlbrei, mein Mittagessen kostete mich nie mehr als sechzehn Pfennig.

Aber nichts spornt mehr zum Studium an als die Überzeu­gung sich durch angestrengte Arbeit aus einer elenden Lage befreien zu können.

III

So warf ich mich denn mit besonderem Fleiß auf das Studium des Englischen. Ich hatte meine eigene Methode dabei, welche das Erlernen jeder Sprache bedeutend erleichtert. Diese ein­fache Methode besteht darin, dass man sehr viel laut liest, kleine Übersetzungen macht, Aufsätze schreibt und sie unter Aufsicht des Lehrers verbessert, dann auswendig lernt und in der nächsten Stunde das aufsagt, was man am Tage vorher korrigiert hat. Mein Gedächtnis war schwach, weil ich es seit der Kindheit gar nicht geübt hatte, doch benutzte ich jeden freien Augenblick zum Lernen. Ich hatte immer ein Buch bei mir, aus dem ich irgend-etwas auswendig lernte; auf dem Postamt, in den Banken las ich immer, wenn ich warten musste. So stärkte ich allmählich mein Gedächtnis und konnte schon nach drei Monaten meinen Lehrern mit Leichtigkeit alle Tage in jeder Unterrichtsstunde zwanzig gedruckte Seiten englischer Prosa wörtlich hersagen, wenn ich sie vorher drei­mal aufmerksam durchgelesen hatte. Auf diese Weise lernte ich zwei englische Romane auswendig! Vor übergroßer Auf­regung schlief ich nur wenig und alle schlaflosen Nachtstun­den brachte ich damit zu, das am Abend Gelernte noch einmal zu wiederholen. So gelang es mir in einem halben Jahr eine gründliche Kenntnis der englischen Sprache zu erlangen. Dieselbe Methode wendete ich nachher beim Studium der französischen Sprache an, die ich in den folgenden sechs Mo­naten bemeisterte. Durch diese dauernden fleißigen Studien stärkte sich mein Gedächtnis im Laufe eines Jahres derma­ßen, dass mir die Erlernung des Holländischen, Spanischen, Italienischen und Portugiesischen außerordentlich leicht wur­de. Ich brauchte nicht mehr als sechs Wochen, um diese Spra­chen fließend sprechen und schreiben zu können.

IV

Große Schwierigkeiten hatte ich mit dem Russischen. Ich konnte in ganz Amsterdam keinen Lehrer finden. Niemand verstand dort Russisch. Aber nach meiner Methode brauchte ich jemanden, der mich wenigstens anhörte. Deshalb zahlte ich einem armen Manne nur dafür, dass dieser jeden Tag zu mir kam und zwei Stunden lang meine russischen Deklama­tionen anhörte, von denen er kein Wort verstand. Mein lautes Sprechen wurde im ganzen Hause gehört und deshalb musste ich zweimal während meines Russischstudiums die Wohnung wechseln. Aber nach sechs Wochen konnte ich schon meinen ersten russischen Handelsbrief schreiben. Weil ich nun so viele Sprachen und vor allem Russisch konnte, wurde ich von meiner Firma nach Russland gesandt.

So wurde ich im Laufe von mehreren Jahren so reich, dass ich es mir erlauben konnte meine kaufmännische Tätigkeit aufzugeben und nur noch an mein Lebensziel, meine Ausgra­bungen, zu denken.

(Nach Heinrich Schliemann)